Navigieren in Eggenwil

Stationen einer Flucht - hautnah

Artikel Bremgarter Bezirks-Anzeiger, Ausgabe vom 12.05.2009, über einen aussergewöhnlichen Religionsunterricht

Stationen einer Flucht – hautnah

Artikel Bremgarter Bezirks-Anzeiger, Ausgabe vom 12.05.2009, über einen aussergewöhnlichen Religionsunterricht

Besonderer Religionsunterricht letztes Wochenende in Eggenwil: 50 Jugendliche machten bei einem Simulationsspiel der Schweizer Flüchtlingshilfe (SFH) mit. Die Kinder sollten nur ansatzweise erleben, was es heisst, Flüchtling zu sein. An einen Vormittag wurde versucht, all die Stationen durchzuspielen, mit denen diese Menschen bei Kriegsverlauf konfrontiert werden: Angriff auf ein Dorf, Gefangennahme und Gefangenschaft, Flucht, Schleppertum und schliesslich das vorläufige Ende der Odyssee im Flüchtlingslager oder als Asylbewerber in einem Drittstaat. «Flucht und Asyl sind ein wichtiges Thema», begründet Oliver Kley, von der katholischen Kirche Eggenwil-Widen das Engagement der SFH für diesen Thementag. Seit 1998 spielten 50 000 Kinder dieses Szenario der SFH durch. Foto(s): André Widmer

© Bremgarter Bezirks-Anzeiger; Ausgabe 37 (12.5.2009)

Stationen einer Flucht – hautnah

Eggenwil-Widen: Einen besonderer Religionsunterricht erlebten 50 Jugendliche am Wochenende

André Widmer

Jugendliche für das Thema «Flucht und Asyl» zu sensibilisieren ist das Ziel eines Simulationsspiels der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.

Es ist ein wunderbarer Samstagmorgen. Es steht ein Dorffest an. Die Familien versammeln sich auf dem Platz der Ortschaft, der Dorfälteste hält eine Ansprache. Tanz und Konzert sind angesagt. Plötzlich knallt es und das dumpfe Treten von Militärstiefeln ist zu hören. Eine Gruppe von Soldaten treibt die Bevölkerung zusammen. Dann werden die Menschen nach Geschlechern getrennt.

«Ein wichtiges Thema»

Der Ort des Geschehens ist der Schulhausplatz von Eggenwil. Was sich so martialisch anhört, ist ein Simulationsspiel im Rahmen des katholischen Religionsunterrichts. Die Bevölkerung wird von rund 50 Eggenwiler Kindern gespielt, die Soldaten, Behörden und weitere Protagonisten durch die Mitarbeiter der Bildungsgruppe der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Durchgeführt wird die Simulation jeweils seit 1998 von der SFH, ausgearbeitet wurde das Konzept vom Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR).

«Flüchtlinge und Asyl sind ein wichtiges Thema. Es geht darum, dass nicht nur darüber geredet wird, sondern es soll auch ansatzweise erlebt werden, wie sich das anfühlt», erklärt Oliver Kley, Pastoralassistent der katholischen Kirchgemeinde Eggenwil-Widen.

Eine Odyssee

Die Soldaten treiben die Gruppen auseinander. Die Frauen werden in den Keller getrieben, derweil die gefangen genommenen Männer in der Nähe des Dorfplatzes von ihren Bewachern zusammengestaucht und zu Leibesübungen befohlen werden. Der Ton ist rüde. Doch die Schwachen unter den Gefangenen werden von ihren Kameraden mitgeschleppt. Schliesslich landen alle Gefangenen – Männer und Frauen – in einem dunklen Verlies.

Die Militärs sind plötzlich etwas ausser Reichweite und nun bieten Schlepper den Familien an, sie gegen teures Entgelt an den Militärs vorbei und über die Grenze in Sicherheit zu bringen. Über eine Fluchtröhre verlassen sie den Keller, vorbei am Militär. Dann bestechen die Schlepper mit den Habseligkeitserträgen aus dem Flüchtlingstreck die Grenzer – und türmen. Alleine auf sich gestellt und der fremden Sprache der Grenzbewacher nicht mächtig, gelingt es nach langer Wartezeit und grosser Bürokratie, das Kriegsgebiet zu verlassen. Im neuen Land wartet die UNHCR mit humanitärer Hilfe im Flüchtlingslager. Doch bevor die Flüchtlinge etwas zur Ruhe kommen, müssen sie wiederum Registrierungen, Gesundheitskontrolle, Impfungen und Tests über sich ergehen lassen. Drittstaaten bieten schliesslich Asyl an – aber nicht allen Flüchtigen. Je nach Angabe des Fluchtgrundes, des Alters und der Ausbildung wird unterschiedlich entschieden. Im Zeitraffer von zweieinhalb Stunden erleben die Jugendlichen also die möglichen Stationen der Flüchtlinge – Beginn eines militärischen Überfalls, Gefangennahme und Gefangenschaft, Flucht, Schleppertum und schliesslich das vorläufige Ende der Odyssee im Flüchtlingslager oder als Asylbewerber in einem Drittstaat. Der Angriff, den die Jugendlichen in der Simulation mit verbundenen Augen (siehe Bild auf der Titelseite) erlebten, war für Florence Born und Tiziana Scheidegger eindrücklich. «Die Sprachprobleme waren mühsam, aber wenn die Menschen dorthin flüchten können, wo sie sicher sind, ist es gut», sagen sie. Auch Raphael Gehrig und Fabio Strand konnten dem Simulationsspiel Eindrücke abgewinnen: «Es ist hart, wenn jemand nicht aufgenommen wird.»

Vertiefung am Nachmittag

Nach dem Simulationsspiel befassen sich die Jugendlichen in Gruppenarbeit auch mit der Asylgesetzgebung und den Menschenrechten und hören Erlebnisberichte von Flüchtlingen aus erster Hand.

           

zur Liste