Gleiten wie die Vögel
Artikel Bremgarter Bezirks-Anzeiger, Ausgabe vom 28.08.2012, über den sehr erfolgreichen Eggenwiler Gleitschirmpiloten Alfredo Studer
© Bremgarter Bezirks-Anzeiger Ausgabe 69 (28.08.2012)
Region Bremgarten
Gleiten wie die Vögel
Eggenwil: Der Gleitschirmpilot Alfredo Studer erreicht internationale Spitzenrangierungen

«Geräuschlos ist man eins mit den Elementen», so beschreibt Alfredo Studer das Gleitschirmfliegen. Bild: André Widmer
In internationalen Gleitschirmwettkämpfen erreichen Schweizer seit Jahren grosse Erfolge. Der Eggenwiler Alfredo Studer hat dieses Jahr seinen ersten Weltcup-Sieg verbuchen können.
André Widmer
«Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein», singt der deutsche Liedermacher Reinhard May in seinem wohl grössten Hit im Refrain. Ein Lied, das die Sehnsucht nach dem Fliegen wohl am treffendsten zu beschreiben vermag.
Seit nunmehr über zwei Jahrzehnten lebt der in Eggenwil wohnhafte Alfredo Studer (49) den Traum vom Fliegen selber aus. Anders als der Cessna-Pilot Reinhard May ist Studer jedoch nicht mit einem motorisierten Gerät, sondern mit einem Gleitschirm in schwindelerregenden Höhen unterwegs. Und dies sehr erfolgreich: Im Mai gewann er den World Cup im französischen Talloires, danach folgte der zweite Platz am Oppenau Open in Deutschland. Mit 297 Kilometern hält er zudem den Schweizer Rekord des längsten Flugs.
«Extrem schönes Gefühl»
In Argentinien geboren, kehrte Alfredo Studer als Auslandschweizer im zarten Alter von viereinhalb Jahren mit seinen Eltern ins Land der Vorfahren zurück. Nach einem weiteren Abstecher nach Südamerika siedelte er schliesslich 1982 definitiv in die Schweiz über und wohnt seit 2006 in Eggenwil. Zum Gleitschirmfliegen kam der Aargauer 1990 dank seiner damaligen Freundin. «Ich hatte mich überreden lassen mitzumachen», erinnert er sich. Einiges an Theorie wurde benötigt, bis der erste Flug erfolgen durfte. Danach brauchte es aber keine Überzeugungskunst mehr, der Funke war entzündet. «Es ist ein extrem schönes Gefühl. Geräuschlos ist man wie eins mit den Elementen. Dabei ist die Geschwindigkeit relativ langsam, man benutzt die gleiche Thermik gemeinsam und partnerschaftlich wie die Vögel», erzählt Alfredo Studer von der Faszination Gleitschirmfliegen.
Start und Landung sind entscheidend
So leicht und unbeschwert das Gleitschirmfliegen für Aussenstehende auf einen ersten kurzen Blick aussehen mag: Um diese faszinierende Sportart betreiben zu können, braucht es dennoch einiges an Erfahrung und Wissen. Zwar braucht man keine übernatürlichen physischen Voraussetzungen, eine durchschnittliche Kondition und Konstitution reichen aus. Dennoch: Von Vorteil ist man möglichst fit, um auch den geistigen Anforderungen bezüglich Konzentration entsprechen zu können. Um alleine abheben zu können, ist jedoch ein Brevet erforderlich. Diverse Gleitschirmschulen bieten die Ausbildung an. Ein Schirm für Anfänger kostet um 3000, einer für Wettkampfpiloten zwischen 5000 und 6000 Franken.
«Theoretisches Wissen und die Praxis von mindestens 40 Höhenflügen in fünf verschiedenen Fluggebieten sind nötig», erzählt Alfredo Studer. Die Praxisprüfung ist bestanden, wenn zwei von drei Flügen gelingen. Im Prüfungsprogramm steht unter anderem: Einen Doppelkreis zu fliegen und innerhalb eines bestimmten Zielgebietes zu landen, ein sauberer Start und eine saubere Landung sind Pflicht und vor dem Start gehört ein sogenannter Fünfpunktecheck dazu. Letztere Teilbereiche sind ohnehin das A und O beim Gleitschirmfliegen, macht Studer klar. «Start und Landung sind die gefährlichsten Phasen. Wichtig ist es, nicht in einem Rotorengebiet zu landen.» Damit gemeint sind Luftwirbel, die in einem bewohnten oder industriellen Gebiet oder auch bei einem Wald entstehen können – also überall da, wo Hindernisse stehen.
«Man muss die Zeichen deuten können»
Für den Gleitschirmflieger ist deshalb auch der Blick gen Himmel beziehungsweise in die einschlägigen Wetterberichte unabdingbar. Ein geübter Gleitschirmpilot kann Wolkenformationen lesen und abschätzen, was ihn erwartet. «Wo man mit viel Rückenwind fliegen kann, bestehen auch Risiken für Turbulenzen», so Alfredo Studer. Es stellen sich diverse Fragen: Kommt der Föhn, wie entwickelt sich der Druck? «Man muss auch die Zeichen während dem Flug deuten können, um auf die veränderten Verhältnisse rechtzeitig reagieren zu können.»
Zuerst Streckenflug
Zuerst nur ein schönes Hobby, ist das Gleitschirmfliegen für Alfredo Studer inzwischen weit mehr geworden. «Ich bekam Freude, auf Strecke zu gehen, wegzufliegen.» So kam es schliesslich auch dazu, dass Studer an Wettkämpfen teilnahm. Im letzten Jahrzehnt holte er zahlreiche Podestplätze und gewann mehrfach den Schweizer Cross Country Cup, einen Wettbewerb im Streckenflug. Zweimal, zuletzt 2007, versuchte er mit seinem Sportkollegen André Bussmann in Südafrika den Weltrekord für den weitesten Flug zu brechen, doch die Wetterverhältnisse spielten nicht mit. Doch noch heute hält Alfredo Studer den Schweizer Rekord mit 297 Kilometern.
Die Taktik ist sehr wichtig
Beim Paragliding World Cup, in dem Alfredo Studer seit diesem Jahr startet, sind die Reglemente ungleich komplizierter. Es starten um 120 Piloten, die sich für dieses weltbeste Niveau zuerst qualifizieren mussten. In einem Lauf erhält man Punkte für die Führung, sogenannte «leading points», aber auch für Distanz und Zeit und schliesslich vor allem für die Reihenfolge beim Zieleinlauf bzw. -einflug. Das Wettkampfkomitee schreibt die Tasks (Aufgaben) aus. Taktisches Verhalten mit Fliegen im Pulk und Massensprints wie im Radfahren sind gang und gäbe. Beim Weltcup in Mazedonien diesen Sommer führte Alfredo Studer mit seinem «Swing Core 2»-Schirm bei einem Lauf die Hälfte der Renndistanz und mit bis zu 10 Minuten Vorsprung beim zweiten Wendepunkt an, bis sich die Thermik abschwächte und er auf seine Verfolger warten musste. Schliesslich wurde er im Klassement durchgereicht. Doch auch dieses Resultat schmälert Alfredo Studers Erfolgsbilanz keineswegs gross. Neben dem erwähnten Weltcup-Sieg in Frankreich und dem 2. Rang in Baden-Württemberg im Mai erreichte er letztes Jahr in Slowenien ebenfalls einen Podestplatz. Bereits ist er für den zweiwöchigen Superfinal, quasi das Masters der Gleitschirmszene, in Kolumbien 2013 qualifiziert. Im September bereits steigt die Europameisterschaft in Frankreich. Im Februar beginnt dann wieder die nächste Saison mit Wettkämpfen auf diversen Kontinenten.