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Entwurzelt und in der Fremde

Artikel Bremgarter Bezirks-Anzeiger, Ausgabe vom 15.07.2011, über die in Eggenwil lebende, sich um Asyl bewerbende Familie Hussein

© Bremgarter Bezirks-Anzeiger Ausgabe 56 (15.07.2011)

Region Bremgarten

Entwurzelt und in der Fremde
Serie «Ich lebe im Freiamt»: Sabah Hussein und seine Frau flüchteten 2008 aus Syrien und wohnen jetzt in Eggenwil

Wurden in Eggenwil freundlich aufgenommen: Sabah Hussein, Sohn Durman und Ehefrau Rojin Rassul. Bild: André Widmer

Nicht jeder, der im Freiamt wohnt, ist auch freiwillig hier. In Eggenwil findet eine syrische Familie, die sich um Asyl bewirbt, derzeit in einer Wohnbaracke ein Zuhause.

André Widmer

«Eggenwil ist ein schönes Dorf, die Leute sind nett hier. Die Gemeinde hat für uns viel getan und dafür sind wir sehr dankbar», sagt Sabah Hussein in gebrochenem Deutsch. «Aber es wäre schön, wenn es wieder so wäre wie früher». Denn Sabah Hussein (30), seine Frau Rojin Rassul und Sohn Durman haben sich Eggenwil nicht als ihre neue Heimat ausgesucht. Ihre Heimat ist Syrien, dort sind die Verwandten, ihre Wurzeln.

Früher. Die ursprüngliche Heimat Syrien. Das war vor dem Februar 2008. Der heute 30-jährige Sabah Hussein und seine Frau Rojin Rassul (19) lebten in einem Dorf bei der Stadt al-Malikiyah (auf kurdisch: Derik) nahe der Grenzen zur Türkei und dem Irak. Sabah Hussein arbeitete als Leiter einer 40-köpfigen Gruppe von Baumwollpflückern in dieser eher trockenen Gegend, die kaum industrialisiert ist. Die wirtschaftliche Lage war aber nicht der Grund, warum er aus Syrien geflüchtet ist. Die Gründe sind politischer und ethnischer Natur.

Der Name des Sohnes ist verboten

Sabah Hussein ist Kurde. Im Jahre 1962 wurde nach der Volkszählung in Syrien 120 000 Kurden der Pass entzogen, so auch Sabahs Vater. Heute leben ungefähr 500 000 von gegen drei Millionen Kurden in Syrien ohne Pass und sind staatenlos. Die Unterdrückung der Kurden in Syrien hat System: Schon 1965 begann der Staat damit, einen arabischen Gürtel durch das kurdische Siedlungsgebiete zu ziehen und Beduinen anzusiedeln. Die Bauern wurden enteignet. Der Gebrauch kurdischer Namen ist verboten. «Die Dörfer und Städte tragen heute arabische Namen und auch Geschäfte dürfen nicht kurdisch angeschrieben werden», erzählt Hussein. «Selbst der Name meines Sohnes Durman ist verboten.» Der kleine Durman ist 2009 in der Schweiz geboren.

Heirat wurde nicht anerkannt

Die heute staatenlosen Kurden sind nicht nur ohne Pass oder Personenausweis und können deswegen nicht reisen, ihnen werden auch andere grundlegende Rechte verweigert. Sie können kein Auto anmelden, haben keinen Anspruch auf staatlich subventionierte Lebensmittel, dürfen nicht alle Berufe ausüben. Einem Teil wird gar die Registrierung der Ehe verweigert. So erging es denn auch Sabah Hussein, als er sich mit seiner Frau Rojin Rassul vermählen wollte. Sie besitzt zwar die syrische Staatsbürgerschaft, die Registration der Heirat mit einem Staatenlosen ist aber untersagt. Als bei der Hochzeitsfeier kurdische Fahnen geschwenkt wurden, holte die Polizei gar mehrere Gäste ab und inhaftierte sie. Kein Wunder deshalb auch, dass Sabah Hussein in diesem diskriminierenden Umfeld politisch wurde und der 2003 gegründeten PYD, einer kurdischen Partei, die sich für die Rechte der Kurden in Syrien einsetzt, beitrat. Selbstredend, dass die PYD in Syrien verboten ist – in dem Staat, der gegen Demonstranten in diesen Tagen mit äusserster Brutalität vorgeht.

Flucht über Algerien

Als an einem Februarabend 2008 bei einer Zusammenkunft zwei Parteikollegen von syrischen Staatsorganen festgenommen wurden, beschied Sabah Husseins Frau ihm, nicht heimzukommen und unterzutauchen. So fiel der Entschluss zur Flucht. Am 15. Februar 2008 begann die Odyssee. Sabah Hussein besorgte sich einen gefälschten Pass. Mit seiner Frau und der Hilfe eines Schleppers schaffte er es schliesslich per Flugzeug über Algerien in die Schweiz.

Leben in der Baracke

Seit nunmehr zwei Jahren leben Sabah Hussein, seine Frau Rojin Rassul und Sohn Durman nun in Eggenwil. Hier sei es besser als vorher in Oftringen und Untersiggenthal, wo sie mit anderen Asylbewerbern in einem Gebäude untergebracht waren. Die Wohnbaracke, in der sie leben, steht nicht weit vom Gemeindehaus und der Schule entfernt. Die Unterkunft ist mit dem Nötigsten ausgerüstet. «Hier hat es auch eine Heizung. Nur im Sommer wird es manchmal etwas heiss, weil die Wände aus Metall sind», erzählt Rojin Rassul. Sie mögen nicht klagen.

Die enge Behausung hat neben dem Schlafzimmer und der Küche auch einen kleinen Raum, wo ein Fernseher und zwei Sofas stehen. An den Wänden hängt eine Karte mit den Umrissen Kurdistans (einem Staat, der nie zustande kam; siehe Textbox rechts) und ein vergilbtes Foto, das einen Bruder Sabahs mit kurdischen Gefährten zeigt. Zwei Brüder sind gestorben. Der Enge der Unterkunft entkommen sie von Zeit zu Zeit. Manchmal spazieren sie nach Bremgarten oder der Reuss entlang. Für den zweijährigen Sohn Durman ist die Morgenpause der Schule ein grosser Moment. Dann rennt er hinauf zum Pausenplatz der Schule und kann mit den Eggenwiler Kindern spielen. Dazu darf er auch auf dem Gemeindespielplatz spielen. Mutter Rojin Rassul nimmt alle zwei Wochen am Treffen Mutter/Kind in Eggenwil teil. Ab August darf der kleine Durman in die Spielgruppe.

Repressionen gegen Verwandte

Der telefonische Kontakt zur Familie in Syrien findet sporadisch, nur alle zwei, drei Monate statt, letztmals vor etwas mehr als einer Woche. «Das funktioniert nur, wenn sie an der Grenze über einen türkischen Mobilfunkanbieter Empfang haben», sagt Sabah Hussein. Bei einem syrischen Telefonunternehmen würde man abgehört, meint er. Die Repressionen gegen seine Familie sind selbst während seiner Landesabwesenheit gross. «Ein Postpaket wurde abgefangen und mein 17-jähriger Bruder musste ins Gefängnis». Und als Sabah Hussein einmal an einem Anlass in der Schweiz von einem kurdischen Fernsehen gefilmt wurde, standen flugs darauf die Sicherheitsorgane in Syrien vor der Tür der Verwandten.

Den Kampf der Syrer gegen das repressive Regime von Präsident Baschaar Al-Assad verfolgt Sabah Hussein über Satelliten-TV. Ob die syrischen Kurden dann aber auch entjocht werden, wenn die Revolution gelingt, steht wohl auf einem anderen Blatt.

Verlierer der Geschichte

Nachdem die alliierten Mächte das ottomanische Reich besiegt hatten, wurde den Kurden im Vertrag von Sèvres im Jahre 1920 ein eigenes autonomes Gebiet zugesagt. Bis dahin erstreckte sich das Siedlungsgebiet der Kurden über den Ostteil des osmanischen Reiches. Obwohl die Kurden im türkischen Unabhängigkeitskrieg an der Seite der Türken kämpften, sorgten die Türken in den Verhandlungen zum Vertrag von Lausanne 1923 dafür, dass die Kurden ihr Recht als Minderheit und etwelche territoriale Ansprüche verloren. Bei der Bildung von Nationalstaaten im Mittleren Osten nach dem Zweiten Weltkrieg teilten sich die Gebiete des nie richtig realisierten Kurdistans in Syrien, Türkei, Iran, Irak und Regionen Armeniens und Aserbaidschans auf.

Auf dem Gebiet der Türkei führte bis 1999 die PKK einen bewaffneten Kampf, dem Zehntausende Menschen zum Opfer fielen. Im Iran bombardierte die Armee 1979 während der islamischen Revolution kurdische Dörfer und Städte. Seit 2005 gibt es vermehrte Militärpräsenz in den Gebieten. Der Irak sicherte den Kurden nach einem Aufstand Unabhängigkeit zu. 1975 wurde diese Vereinbarung im Streit um Erdöl aufgelöst und chemische Kampfstoffe gegen die Kurden eingesetzt. Nach der Befreiung des Iraks vom Saddam-Regime erhielten die Kurden im Nordirak eine weitgehende Autonomie.

Im Krieg zwischen separatistischen Armeniern und Aserbaidschan Anfang der 90er-Jahre um die Region Bergkarabach besetzten die Armenier nicht nur Karabach, sondern weitere aserbaidschanische Distrikte. Die im Gebiet Lachin wohnhaften Kurden, die dort 1923 sogar kurzzeitig ein «rotes Kurdistan» bilden konnten, flohen. --aw

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