Zwei sehr unterschiedliche Projekte
Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 12.05.2010, über die Informationsveranstaltung zum Hochwasserschutzprojekt
© Aargauer Zeitung / MLZ; 2010-05-12
Freiamt
Zwei sehr unterschiedliche Projekte
Orientierungsversammlung über Varianten und Massnahmen zum Hochwasserschutz in Eggenwil
In Eggenwil bleibt der Hochwasserschutz hochaktuell. Das fachlich überprüfte Schutzprojekt «Offenlegung Ibisguetbach» erhielt überraschend Konkurrenz durch ein Privatprojekt.
Lukas Schumacher
Eine breit abgestützte Arbeitsgruppe aus Fachleuten und Laien befasste sich mit dem Hochwasserschutz in der Reusstalgemeinde. Im Auftrag der Gemeindeversammlung nahm die Arbeitsgruppe sechs Hochwasserschutzvarianten unter die Lupe. Das Rennen machte mit grossem Vorsprung die Variante «Offenlegung und Renaturierung Ibisguetbach». 85 Prozent der Angehörigen der Arbeitsgruppe, darunter alle Fachleute und die meisten Dorfbewohner, sprachen sich in der Endausmarchung für diese Hochwasserschutz- und Entwässerungsvariante aus; sie zielt insbesondere auf den Überflutungsschutz der Liegenschaften nördlich des Junebachs ab.
«Preiswerteste Lösung»
Gemeinderat Roger Hausherr und Fachingenieur Beat Hurni vom Büro Porta + Partner stellten die Ergebnisse der studierten Varianten an einer Orientierungsversammlung in der Mehrzweckhalle vor. 50 Eggenwilerinnen und Eggenwiler besuchten die Versammlung. «Die Bach-Offenlegung ist die preiswerteste Lösung», erläuterten Hausherr und Hurni. Sie mache auch aus ökologischer Sicht Sinn und sei technisch mit vergleichsweise bescheidenerem Aufwand machbarer als andere Varianten wie «direkte Ableitung Kustergasse», «Wasserrückhaltebecken Holzmatt» oder «Umleitung Boderebe».
So sieht das optimierte, favorisierte Projekt aus: Auf rund 400 Metern wird der grösstenteils eingedolte Bach offengelegt und offen geführt bis zur Liegenschaft Hartmann; vorne an der alten Badenerstrasse: Danach wird der Kanal auf rund 100 Metern bis zur Einleitung in den Junebach unterirdisch erstellt. Der Landverbrauch samt Pufferzonen beträgt rund 7600 Quadratmeter. Laut Roger Hausherr erwächst den Landwirten bei der späteren Bewirtschaftung «im Vergleich zu heute keinerlei finanzieller Nachteil».
Die Realisierungskosten belaufen sich auf 2,15 Mio. Franken. Rund 800000 steuert der Bund bei, während der Kanton Aargau 745000 Franken berappen wird. Der Gemeinde Eggenwil verbleiben Restkosten im Betrag von rund 600000 Franken.
Privates Konkurrenz-Projekt
Aus der Versammlungsmitte ergriff überraschend Jürg Vetterli das Wort. Er stellte im Namen einer eigenen, achtköpfigen Arbeitsgruppe das reich illustrierte Hochwasserschutzprojekt «Natürliche Ableitung» vor. Mithilfe von Natursteinblöcken, Metallklappen vor Wohngebäuden, einem Auffangkanal und weiteren baulichen Massnahmen soll anfallendes Wasser bei heftigen Gewitterfällen aus den bebauten Gebieten geleitet werden. Aus zeitlichen Gründen hätten die Realisierungskosten des Projekts nicht ermittelt werden können, erklärte Vetterli. Er sei überzeugt, dass das Konzept funktioniere.
© Aargauer Zeitung / MLZ; 2010-05-12
Kommentar
Gefährliches Spiel
Lukas Schumacher
Experten haben von vornherein keineswegs immer recht. Eine gesunde Portion Skepsis gegenüber Fachleuten darf durchaus sein. Schwer nachvollziehbar hingegen ist das Misstrauen, das eine Eggenwiler Gruppe um Jürg Vetterli gegenüber Fachingenieuren, Entwässerungsspezialisten und den Behörden an den Tag legt. Die Gruppe verschliesst die Augen vor klaren Fakten. Stattdessen zaubert sie flugs ein eigenes Hochwasserschutzprojekt aus dem Hut.
An sich ist die Initiative der Gruppe ja löblich. Freilich weiss niemand, ob das selbst gestrickte Projekt im Fall eines heftigen Dauergewitters etwas taugt. Neben der Wirksamkeit sind auch die technische Machbarkeit und die Kosten dieses Projekts unbekannt. Zudem berücksichtigt es den Gewässerschutz nicht. Bund und Kanton unterstützen die Realisierung eines solchen Vorhabens finanziell bestimmt nicht.
Die Gruppe spielt ein gefährliches Spiel. An der Gemeindeversammlung vom 18. Juni gelangt das offizielle, fundierte Hochwasserschutzprojekt «Offenlegung Ibisguetbach» zur Abstimmung. Dieses zu torpedieren, indem man vorgaukelt, eine einfachere und zweckmässigere Lösung zu besitzen, ist unverantwortlich.
lukas.schumacher@azag.ch