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«An den Storch glaubte ich nicht richtig»

Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 09.06.2010, über Othmar Zimmermann (90), Eggenwil, der aus seinem Leben erzählt

© Aargauer Zeitung / MLZ; 2010-06-09


Brennpunkt Freiamt

«An den Storch glaubte ich nicht richtig»

Damals im Freiamt (7): Othmar Zimmermann (90), Eggenwil, erzählt

Yvonne Steiner

«Unsere Mutter, Ida Zimmermann, war als Hebamme für die Gemeinden Eggenwil, Widen, Sulz, Künten, Bellikon und Hausen zuständig. Im Alter von zwanzig Jahren, also 1906, konnte sie sich in Aarau zur Hebamme ausbilden lassen. In den fünfzig Jahren, in denen sie diesen Beruf ausübte, verhalf sie bis zu 700 Kindern auf die Welt. Wenn eine Geburt nachts begann, eilten die Männer zu unserem Haus im Weiler Hofor, um unsere Mutter zu holen. Wer ein Pferd besass, kam mit der Bockkutsche und der Sturmlaterne, die andern zu Fuss. Dann klopften sie ans Fenster und riefen: �Es ist so weit!� Wurde die Mutter während des Tages zu einer Geburt geholt, musste sie alles stehen und liegen lassen. Oft habe ich dann für die ganze Familie gekocht. Wenn es gerade ihren wöchentlichen Backtag traf, an dem sie jeweils vier Wähen und zwölf Brote zubereitete, habe ich für sie fertig gebacken.

Unterwegs Gedichte gelernt

Ob Sommer oder Winter, unsere Mutter war immer zu Fuss unterwegs. Nach einer Geburt musste sie zweimal täglich bei Mutter und Kind zur Nachkontrolle vorbeigehen. Als ich etwa acht Jahre alt war, habe ich sie hin und wieder begleitet, sofern es die Arbeiten auf dem Hof und für die Schule zuliessen. Es war dann etwas kurzweiliger für meine Mutter. Unterwegs hat sie manchmal mit mir Gedichte für die Schule auswendig gelernt. Damit wir nicht so viel zu tragen hatten, riss sie die entsprechenden Seiten einfach aus dem Buch. �Ich bezahle das Buch der Schule�, beruhigte sie mich jeweils. Sie hatte stets ein Köfferchen mit dabei. Welche Utensilien darin waren, weiss ich nicht. Ich hatte nie hineingeschaut. Hin und wieder durfte ich nach dem Untersuch das Kindchen sehen. Aber meistens blieb ich bei dessen Vater im Stall, bis wir uns wieder auf den Heimweg begaben. Ging unterwegs ein heftiges Sommergewitter los, hatte ich solche Angst, dass ich meiner Mutter beinahe den Rockzipfel abriss.

Eine Geburt im Wald

Eine besondere Geburt war jene mitten im Wald! Daran erinnere ich mich noch genau! Der Zeinenflicker war in unserer Gegend und hatte das Lager � einen Unterstand � für seine schwangere Frau und sich im Wald aufgeschlagen. Als nachts die Wehen begannen, kam er unsere Mutter holen. Im Wald und bei Kerzenlicht wurde ein kleines Mädchen geboren. Die Windeln wusch die Frau zwischendurch im nahen Bach. An den Storch habe ich nicht richtig geglaubt � man war in diesem Alter im Zweifel. Zudem gab � und gibt es noch immer � ausserhalb des Dorfes Eggenwil, am Bürgisserberg, den �Chindlistein�. Es hiess damals, wenn man fünfmal um den grossen Stein herumrennen könne, ohne zu atmen, kämen �Chindli� aus dem Stein. Das haben wir Kinder mehrmals versucht, aber wegen zu wenig Luft nie geschafft!

Einzelheiten über die Geburten wollten meine Geschwister und ich nicht wissen. Nur, ob es ein Bub, ein Mädchen oder gar Zwillinge gegeben hatte � mehr nicht. Die Väter waren bei den Geburten nie anwesend. Erst wenn alles vorbei war, wurden sie herbeigerufen. Über jede Geburt hatte meine Mutter genauestens Buch geführt und Name, Gewicht, Zeitpunkt der Geburt usw. eingetragen. Jährlich kamen zehn bis fünfzehn Kinder zur Welt � je nachdem wie hart der Winter war!»

Knappes Lehrstellenangebot

Beim gelegentlichen Kochen und Backen für die ganze Familie wurde Othmar Zimmermann bewusst, dass er gerne Koch werden möchte. Als er mit 16 Jahren aus der Schule kam, war das Lehrstellenangebot jedoch sehr klein. In der Firma Birchmeier in Künten, wo bereits sein Bruder arbeitete, versprach man ihm, dass er den Beruf des Drehers lernen könne, sobald ein Platz frei werde. Bis es so weit war, vergingen jedoch noch drei Jahre. In der Zwischenzeit arbeitete er auf dem elterlichen Hof, als Ausläufer für Metzger Staubli in Bremgarten oder als Gelegenheitsarbeiter bei Verwandten.

Wie gerne hätte der junge Othmar endlich einen richtigen Beruf erlernt! Als er ein Inserat für eine Kochlehre im Welschland sah, bewarb er sich heimlich und wurde prompt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Aber seine Mutter hatte keine Freude und meinte: «Kommt nicht infrage. Dann kannst du sonntags nicht mehr zChile gah!» Dem Lehrbetrieb sagte sie gleich selber ab. Endlich, 1939, wurde in der Firma Birchmeier eine Lehrstelle frei und Othmar Zimmermann konnte im Alter von 19 Jahren die vierjährige Lehre zum Dreher beginnen.

Militär während der Lehre

Kaum mit der Ausbildung begonnen, musste er im ersten Lehrjahr zur Aushebung. «Ich war gross, hatte aber zu wenig Brustumfang, sodass ich nicht angenommen wurde. Erst mit 20 Jahren erhielt ich den Stempel diensttauglich», sagt er und lacht herzlich.

Im dritten Lehrjahr, das war 1941, musste er für 17 Wochen in die Rekrutenschule nach Aarau und anschliessend weitere 15 Wochen ins Rekrutenregiment. Und � Lehre hin oder her � im vierten Lehrjahr noch drei Wochen in den Wiederholungskurs. «Obwohl ich während meiner Ausbildung oft gefehlt hatte, holte ich den verpassten Lehrstoff nach und konnte die Lehre im Alter von 23 Jahren mit einem guten Abschluss beenden», freut sich Othmar Zimmermann noch heute.

WAS ICH ALS KIND BESONDERS LIEBTE

Mein Lieblingsessen: Räbebappe mit Kartoffeln und Speck.

Meine Lieblingslektüre: «Die Grüne», eine Bauernzeitung.

Mein Lieblingsspiel: Schnitzeljagd.

Mein Lieblingskleidungsstück: Alles, was Mode war.

Mein grösster Wunsch: ein Fussball, den mir meine Mutter dann bei Jelmoli bestellte.

Mein Lebensmotto: «Äs gaht wiiter.»

BEMERKENSWERT
«Im Winter, wenn viel Schnee lag, brachte uns der Vater das Mittagessen ein Stück entgegen. Bei einem Feuer am Waldrand, das bereits brannte, wenn wir kamen, haben mein Bruder und ich gegessen und der Vater rauchte eine Pfeife.»

ZUR PERSON
Othmar Zimmermann, geboren am 21. Januar 1920, ist als jüngstes von fünf Kindern im Weiler Hofor in Eggenwil geboren. Nach dem Besuch der Schulen im Dorf fand er eine Lehrstelle als Dreher bei der Firma Birchmeier in Künten und blieb während 44 Jahren in diesem Beruf tätig. 1950 heiratete er Anna Schürmann. Er hat vier Kinder und sechs Enkel.

Damals im Freiamt
Jeden Monat lässt die AZ Freiamt eine Freiämterin oder einen Freiämter aus ihrem Leben erzählen. Dazu gibt es ein aktuelles Bild sowie eines aus den Jugendjahren. Wer Freude hätte, zu erzählen, wie er einen Beruf erlernen konnte, wie seine Lehrzeit und die Arbeit früher war, meldet sich bitte auf der Redaktion.

Artikel AZ vom 09.06.2010 über Othmar Zimmermann

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