«Die Reuss ist Teil meines Lebens»
Artikel Bremgarter Bezirks-Anzeiger, Ausgabe vom 14.07.2009, über den Fährbetrieb in Sulz-Künten, unterhalb von Eggenwil
«Die Reuss ist Teil meines Lebens»
Artikel Bremgarter Bezirks-Anzeiger, Ausgabe vom 14.07.2009, über den Fährbetrieb in Sulz-Künten, unterhalb von Eggenwil
© Bremgarter Bezirks-Anzeiger; Ausgabe 55 (14.07.2009)
«Die Reuss ist Teil meines Lebens»
«Augenschein» in Sulz-Künten, beim «Fährimaa» Manuel Tellenbach und seinen Eltern
Erika Obrist
Schon als dreijähriger Knirps setzte Manuel Tellenbach mit seinem Vater Franz zwischen Sulz und Fischbach über die Reuss. Jetzt steuert der 28-Jährige die «Franziska 2» selber.
«Schön und warm» hatte der Wetterfrosch angekündigt für diesen Sonntag. «Die Niederschlagsneigung ist gering.»
Warm ist es an der Reuss beim Restaurant Fahr in Sulz. Und es tropft vom Himmel. «Gehen wir unters Dach», hat Franz Tellenbach ein Einsehen, der eben mit der «Franziska 2» zwei Fussgänger auf die Fischbacher Seite der Reuss gebracht hat und leer zurückgekehrt ist.
Auf einer Bank unter dem schützenden Vordach des Bootshauses sitzen Franz' Frau Dora und Sohn Manuel. Immerhin: Der sanfte, warme Regen gibt Raum für ein Gespräch. Und will trotzdem jemand übersetzen, so hört man hier die Glocke sehr gut, mit der die Wanderer oder Velofahrer den «Fährimaa» herbeirufen. «Es gibt keinen Fahrplan», erklärt Manuel Tellenbach. «Wenn Leute am Ufer stehen, fahren wir.»
Wanderer und Biker gehen und fahren vorbei, während die Familie Tellenbach über die Fähre und den Fähriverein erzählen. «Wir sitzen hier am "Grüezi-Weg"», lacht Dora Tellenbach. «Sicher 95 Prozent der Fussgänger grüssen, bei den Bikern kaum die Hälfte», gibt sie ihre Erfahrungen weiter.
Erfahrung hat die Familie reichlich. Vater Franz hat schon die «Franziska 1» sicher von Ufer zu Ufer gesteuert. Diese war aus Holz und diente dem Verein von der Aufnahme des Fährbetriebs im Jahr 1978 bis 1987. Seither verrichtet die «Franziska 2», ein Kunststoffboot, zuverlässig den Fahrdienst. «Einen Unfall hats noch nie gegeben», versichern Vater und Sohn.
Der Fährbetrieb an dieser Stelle geht bis ins Mittelalter zurück: 1531 wurde er erstmals erwähnt. Dora Tellenbach holt einen Ordner mit vielen Bildern vom Wassern der 1900 Kilogramm schweren Fähre «dabei hilft die Armee» und mit einem geschichtlichen Überblick. «Die Menschen hier aus der Region gingen jahrzehntelang hier über die Reuss und dann zu Fuss weiter nach Wohlen, wo sie in der Strohindustrie gearbeitet haben», weiss sie.
Es bimmelt am Ufer. «Eigentlich hat mein Sohn heute Dienst, ich helfe nur aus», lacht Vater Franz und macht sich auf. Sohn Manuel, Piercing in der Augenbraue, Brilli im Ohr, Baseballmütze auf dem Kopf und im Fähriverein-Leibchen «ich bin kein Vereinsmitglied» kennt die Reuss gut. «Schon als Dreijähriger bin ich mit dem Vater mit hierher», erzählt er. «Die Reuss ist Teil meines Lebens, ich habe eine Beziehung zu diesem Fluss», fährt der 28-Jährige weiter, der in Mellingen bei den Pontonieren das Handwerk des Ruderns, Steuerns und Stachelns gelernt hat. Wie schon sein Vater vor ihm. «Man kann mit der Reuss arbeiten, aber nicht gegen sie», gibt er die Philosophie der Wassersportler weiter.
«Die Reuss ist immer unberechenbar, gefährlich», sagt er und schüttelt nachdenklich den Kopf angesicht der flussabwärts treibenden Gummiboote. Beziehungsweise der ungesicherten Menschen darin. «Ich trage die Rettungsweste immer», fährt er weiter und zeigt auf die vorbildlich mit Weste und Helm geschützten Menschen in den Kanus, die nun in der Biegung unterhalb des Rohrhofs auftauchen.
Das Übersetzen mit der Fähre sei hingegen bedenkenlos, fährt Manuel Tellenbach weiter. Der Automatiker, der bei der ABB arbeitet, wohnt in Birmenstorf, seine Eltern in Oberrohrdorf. Etwa vier Mal im Jahr hat er Fährdienst. Von 10 bis 18 Uhr an Sonntagen. Wenn wenig Leute unterwegs sind, vertreibt er sich die Zeit mit Lesen und dem Lösen von Kreuzworträtseln. «Es ist die reinste Erholung für mich», versichert der junge «Fährimaa», der sich diese Aufgabe mit zehn anderen teilt. «Einen halben Tag Ruhe, die ich geniesse.»
Wachablösung: Vater Franz kommt zurück, der Sohn übernimmt. Unvermittelt reisst die Wolkendecke auf. Wie von Zauberhand stehen plötzlich Spaziergänger und Velofahrer an beiden Ufern Schlange. «Fährimaa, hol über» lautet der alte Spruch. Am Samstag hätten lediglich elf Franken in der Kasse gelegen am Abend, weiss Franz Tellenbach, der dem Verein seit drei oder vier Jahren als Präsident vorsteht. «Heute ist weit mehr los.» An den ersten schönen Wochenenden im Frühjahr seien es bis zu 500 Menschen, Hunde und Fahrräder pro Tag, welche die 65 Meter ans andere Ufer mit der «Franziska 2» zurücklegen.
Wieder wechseln Vater und Sohn die Rolle. Jetzt geht es selber hinüber nach Fi-Gö. «Ich erhalte eine kleine Entschädigung», erzählt Manuel, während er die «Franziska 2» in die Strömung stellt. Die Fahrt ist kurz, trotzdem bleibe Zeit, auf dem Wasser mit den Passagieren das eine oder andere Wort zu wechseln. «Meist fragen sie nach dem Weg oder einem Restaurant in der Nähe.»
Schon legt die Fähre an. Manuel zieht sie an den Steg, sodass auch Kinder problemlos ein- und aussteigen können. Ein letzter Gruss noch und schon legt er wieder ab. Auf der anderen Seite hat die Glocke geläutet.