Ein Millionengeschenk für drei Auen
Artikel Sonntag/MLZ, Ausgabe vom 27.07.2008, über ein Millionengeschenk für drei Auen an die Pro Natura
Ein Millionengeschenk für drei Auen
Artikel Sonntag/MLZ, Ausgabe vom 27.07.2008, über ein Millionengeschenk für drei Auen an die Pro Natura
© Sonntag / MLZ; 27.07.2008; Seite 53
Region Aargau
Ein Millionengeschenk für drei Auen
Aargau Reiche Frau erwarb für 1,2 Millionen Franken Grundstücke in Rietheim, Fischbach-Göslikon und Sins für die Pro Natura
Sie wusste, dass sie sterben würde, und suchte deshalb nach einer sinnvollen Möglichkeit, ihr Millionenvermögen einzusetzen. Die Witwe, die auch nach ihrem Tod anonym bleiben will, entschied sich für drei Auenprojekte der Pro Natura Aargau.
Es war vor drei Jahren, genau am 12. Juli 2005, als auf der Geschäftsstelle der Pro Natura Aargau in Aarau ein Mail von einem Treuhänder einlief, in dem schlicht geschrieben stand, eine vermögende Frau möchte einen grösseren Betrag spenden und ersuche deshalb um eine Liste der Projekte von Pro Natura. Geschäftsführer Johannes Jenny nahm das Mail mit einem Achselzucken zur Kenntnis, schickte aber die Liste ab, denn an Projekten, die der Finanzierung harren, mangelt es der Pro Natura nie. Die wohlhabende Witwe wollte schliesslich Näheres über die Auenprojekte erfahren.
Die Spenderin, der Treuhänder sowie Johannes Jenny und Christoph Flory von Pro Natura trafen sich im Gebiet Foort in Eggenwil, wo Pro Natura der Mäzenin in spe ein neues Auengebiet zeigen wollte, das Pro Natura geschaffen hatte. Jenny erwähnte, auf der andern Seite der Reuss, in Fischbach-Göslikon, plane man etwas Ähnliches. Was es koste, wollte die Frau, die sich im besten Alter befand, wissen. «Etwa 400 000 Franken», schätzte Jenny. Die Spenderin zeigte sich sehr angetan. Eine Woche später rief der Treuhänder an und fragte Jenny, ob er sitze, und eröffnete ihm, dass die Spenderin 700 000 Franken für die Projekte in Sins und Fischbach-Göslikon zur Verfügung stellen wolle. Ob noch andere Projekte der Realisierung harrten, wollte die Spenderin weiter wissen. Jenny nannte Rietheim und bezifferte die Kosten dort auf 500 000 Franken. Auch diese Tranche sicherte die Spenderin zu, und zwar bei einem Nachtessen, für welches der Treuhänder ein Rindsfilet aus dem Reservat von Johannes Jenny in der Pampa in Argentinien briet. Pro Natura Aargau konnte sich mit den 1,2 Millionen über den grössten Zustupf in ihrer Geschichte freuen. Das ganze Geld wurde bereits bis auf den letzten Rappen in Landkäufe investiert.
Die Witwe wird die Früchte ihrer Spende nicht mehr bewundern können. Im April 2007 starb sie. Obwohl sie in ihrem letzten Willen nochmals festhielt, dass sie anonym bleiben wolle, wird ihr Pro Natura mit ihrem Einverständnis die Reverenz erweisen. Auf den Infotafeln, die dereinst bei den drei Auengebieten in Rietheim, Fischbach-Göslikon und Sins aufgestellt werden, wird darauf hingewiesen, dass die notwendigen Landkäufe dank der Grosszügigkeit einer anonymen Spenderin ermöglicht wurden.
Noch sind es keine Auen, aber der wesentliche Schritt konnte getan werden. «Will man für die Natur in unserem dicht besiedelten Land etwas tun, muss man Land kaufen», stellt Johannes Jenny fest. Es fiel ihm deshalb ein Stein vom Herzen, als dank der Spende für alle drei projektierten Auen das dafür notwendige Land finanziert werden konnte. Mit der Gestaltung steht man noch am Anfang. Es wurden erst Baggerschlitze aufgebrochen, um die Zusammensetzung des Bodens zu analysieren. Für weitere Arbeiten fehlt der Pro Natura wieder einmal das nötige Kleingeld. Immerhin konnten an allen drei Standorten mit den Landwirten und den Behörden mehr oder weniger gangbare Wege für die Realisierung der neuen Schutzgebiete gefunden werden.
Ein klassisches Auengebiet wird in Rietheim entstehen, wo auch ein verlandeter Altarm des Rheins ausgebaggert wird. Die Aue wird ein Gebiet von 18 Hektaren umfassen. In Sins planen Kanton und Pro Natura gemeinsam. Der Kanton kann 15 Hektaren zur Verfügung stellen, Pro Natura 9 Hektaren. Dort wird als willkommener Nebeneffekt die Trinkwasserqualität verbessert. Zum ersten Mal wird wegen eines Auenschutzgebietes eine Grundwasserfassung mit einem Pumpwerk verschoben, sodass bei künftigen Überschwemmungen kein verschmutztes Wasser mehr in die Wasserversorgung gelangen kann, denn das Hochwasser wird in der neuen Aue zurückgehalten.
Kraftwerk, Golfplatz, Aue
Eine wechselvolle Geschichte hat das Land hinter sich, das dereinst in Rietheim zu einem Auenschutzgebiet werden soll. Am Koblenzer Laufen war in den Fünfzigerjahren ein Wasserkraftwerk geplant, und das Baukonsortium kaufte dafür das notwendige Land zusammen. Als das Projekt für das Kernkraftwerk Beznau I konkret wurde, liess man die Pläne für das Wasserkraftwerk sausen, denn nach damaliger Auffassung war Strom aus einem KKW billiger als aus einem Laufkraftwerk.
Dann trat die Thermalbad AG aus Zurzach mit der Absicht auf den Plan, einen Golfplatz zu bauen, und kaufte das Land, das für das Kraftwerk vorgesehen war. Nach heftigen Auseinandersetzungen scheiterte das Golfplatzprojekt am Widerstand der Landwirte. Jetzt kann das Land von der Pro Natura erworben werden, und zwar im Abtausch gegen Grundstücke in Rekingen, die sie einst von der Holcim nach der Aufgabe der dortigen Zementfabrik kaufen konnte. (sch)