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Gemeinden fördern Nachwuchs

Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 17.01.2008, über die Ausbildung der Verwaltungslehrlinge; Interview mit Gemeindeschreiber Walter Bürgi

Gemeinden fördern Nachwuchs

Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 17.01.2008, über die Ausbildung der Verwaltungslehrlinge; Interview mit Gemeindeschreiber Walter Bürgi

© AZ-Tabloid / MLZ; 17.01.2008; Seite 2

Wohlen

«Weshalb bilden nicht alle Gemeinden Stifte aus?»

Eggenwil Interview mit Eggenwils Gemeindeschreiber Walter Bürgi (40), dem Chefprüfungsexperten der Branche öffentliche Verwaltung des Kantons Aargau.

Lukas Schumacher

Auf den 44 Gemeindeverwaltungen der Bezirke Bremgarten und Muri werden fast 90 Jugendliche kaufmännisch ausgebildet. Eggenwils Gemeindeschreiber Walter Bürgi setzt sich stark für die berufliche und persönliche Entwicklung der Nachwuchsleute im Aargau ein.

Herr Bürgi, auf wie viele kaufmännische Lehrlinge bringen es die Gemeinden im Aargau?

Walter Bürgi: Es sind derzeit mehr als 500 junge Leute, die im ersten, zweiten oder dritten Lehrjahr stecken. Die Abschlussprüfung machten in den letzten Jahren jeweils rund 150.

Wie steht es um die Ausbildungsplätze in den Freiämter Gemeinden?

Bürgi: Gut. Die 24 Gemeinden des Bezirks Bremgarten haben 47 KV-Lehrlinge unter Vertrag, die 20 Gemeinden im Bezirk Muri rund 40. Macht alles in allem also nahezu 90.

Einige Freiämter Gemeinden nehmen keine Lehrlinge, andere drei.

Bürgi: Richtig. Von kleinen Gemeinden wie Islisberg oder Uezwil kann man verständlicherweise keinen Beitrag zur Ausbildung verlangen. Grössere Gemeinden wie Widen, Wohlen oder Muri dagegen sind in der Lage, jeweils 3 bis 4 Nachwuchsleute zu fördern und zu fordern. Das braucht entsprechend Zeit und Aufwand.

Hat der Aufwand für die Lehrbetriebe in den letzten Jahren stark zugenommen?

Bürgi: Er ist fraglos grösser geworden. 2003 wurde in der Schweiz die Reform der kaufmännischen Grundausbildung (NKG) eingeführt. Seither vermitteln wir den Jugendlichen nicht nur Fachkompetenz wie früher, sondern auch eine Portion Sozialkompetenz und Methodikkompetenz. Eine ganzheitlichere Förderung, wenn man so will. Schritt für Schritt sollen die Lernenden weiterkommen und fähig werden, Vorgänge und Abläufe einzuordnen und zu werten.

Seit der Reform erteilt jeder Betrieb seinem Lehrling Noten. Eine vorteilhafte Regelung?

Bürgi: Das macht Sinn und ergänzt die Schulnoten. Jeder gute Lehrbetrieb kann die Leistungen und Fortschritte der Berufslernenden am Arbeitsplatz angemessen beurteilen. Selbstverständlich muss jede betriebliche Zeugnisnote fair ausfallen. Sie muss begründet und mit dem Lehrling besprochen werden.

Die Reform verteuert doch auch die Kosten der kaufmännischen Lehre?

Bürgi: Ja und nein. Eine kürzlich erschienene Studie der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Uni Bern zeigt folgendes Bild: In den ersten beiden Lehrjahren bewirkt die erneuerte kaufmännische Grundausbildung eine Verteuerung der Lehre. Im dritten Jahr aber kann laut Studie ein grösserer betrieblicher Nutzen erwartet werden. Dieser fängt die Mehrkosten der zwei ersten Jahre praktisch auf. Letztlich resultiert also eine Wertschöpfung für den Lehrbetrieb.

Bei der Einführung 2003 war die erneuerte Ausbildung landesweit heftig unter Beschuss geraten. Anstelle der Kritik scheint nun breite Akzeptanz getreten zu sein. Warum?

Bürgi: Mittlerweile haben die allermeisten Lehrlingsverantwortlichen begriffen, dass das NKG-Gebäude richtig und solide gebaut ist. Selbstverständlich muss man es laufend verfeinern.

In den Freiämter Gemeinden schliessen jährlich 30 neue Verwaltungsleute die Lehre ab, in allen Aargauer Gemeinden sind es 150. Wie weiter nach der Lehre?

Bürgi: Selbstverständlich findet nur ein Teil der 150 im Anschluss an die Lehre sofort eine Anstellung bei einer Gemeinde. Wer einen vernünftigen Abschluss der Verwaltungslehre vorweisen kann, hat indes auch in der Privatwirtschaft gute Karten. Die in der Regel breitere Verwaltungsausbildung auf beachtlichem Niveau wird von den meisten Arbeitgebern sehr geschätzt.

Wie viele heutige Kaderangestellten der Gemeinden haben eine Verwaltungslehre absolviert?

Bürgi: Es sind viele. Mehr als 70 Prozent aller aargauischen Gemeindeschreiber, Finanzverwalter und Steueramtsvorsteher haben einst eine Verwaltungslehre durchlaufen, ehe sie sich beruflich weiterbildeten. Das ist für mich ein Beleg, dass das aargauische Aus- und Weiterbildungskonzept der öffentlichen Verwaltung gut funktioniert.

«Alles Wissen endet mit einem Fragezeichen ...»
Walter Bürgis Tipps und Hinweise an Lehrbetriebe und Lernende

Walter Bürgi hat es folgendes Zitat des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse angetan: «Alles Wissen und alles Vermehren unseres Wissens endet nicht mit einem Schlusspunkt, sondern mit einem Fragezeichen.» Wer in unserer hochkomplexen Welt Zusammenhänge verstehen möchte, brauche einen umfassenden, aktuellen Wissensstand, betont Bürgi. Die Aus- und Weiterbildung diene nicht zuletzt der persönlichen Horizonterweiterung, und angeeignetes Wissen müsse auch kritisch hinterfragt werden.

Den Verantwortlichen der Lehrbetriebe/Gemeindeverwaltungen vermittelt Bürgi unter anderem folgende Ratschläge und Hinweise: «Fördern, fordern und motivieren Sie die Lernenden. Schaffen Sie ein angenehmes, offenes und vertrauensvolles Lernklima. Betrachten Sie die Lernenden als vollwertige, verantwortungsvolle Mitglieder der Verwaltung. Pflegen Sie eine enge Zusammenarbeit zwischen den Ausbildnern beziehungsweise den Funktionsträgern der einzelnen Verwaltungsabteilungen. Die Ausbildung der Lernenden ist stets eine Gemeinschaftsaufgabe, also eine Teamaufgabe. Bleiben Sie bezüglich Ihrer Kompetenzen à jour. Nutzen Sie die Ausbildungseinheiten der Branche öffentliche Verwaltung Kanton Aargau.»

Den Lehrlingen gibt Bürgi folgende Tipps: «Nutzen Sie die Ausbildungszeit aktiv, engagiert und eigenverantwortlich. Hinterfragen Sie bei allem, was sie tun, Sinn und Zweck der Aufgabe. Versuchen Sie die Zusammenhänge zu ergründen. Bildung erschöpft sich nicht im Üben auf eine Prüfung oder gar im Auswendiglernen. Wenn Sie etwas nicht verstehen, fragen Sie sofort bei ihrem Berufsbildner/Lehrmeister ober bei der ausbildungsverwantwortlichen Abteilungsperson nach. Lassen Sie sich nie als dritter Kübelleerer missbrauchen.» (sl)

Zur Person Walter Bürgi

Der bald 40-jährige Walter Bürgi ist seit mittlerweile 17 Jahren Gemeindeschreiber in Eggenwil. Er hat viel zur beachtlichen Entwicklung der kleinen Reusstalgemeinde beigetragen. Bürgi besitzt den Gemeindeschreiber-Fachausweis und den Fachhochschul-Abschluss des Intensivstudiums Public Management. Zurzeit absolviert er zudem die aargauische Bauverwalterausbildung.

Bürgi ist seit drei Jahren Chefprüfungsexperte der Branche öffentliche Verwaltung des Kantons Aargau, Chef der Lehrabschlussprüfung (LAP) der Aargauischen Gemeinden sowie Vorsitzender LAP-Kommission Gemeinden. Ausserdem unterstützt er das schweizerische Autorenteam beim Zusammenstellen der Fragen zur LAP 2008. Heute Donnerstag veranstaltet der Gemeindeschreiberverband Bezirk Bremgarten in Eggenwil eine zweistündige Fachtagung. Dabei spricht Walter Bürgi zum Thema «Ausbildung unserer Berufslernenden - Erfahrungen seit der Einführung der neuen kaufmännischen Ausbildung». (sl)

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