«Ich weiss nicht, wie lange es uns noch gibt»
Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 26.02.2008, über den Gemüsebaubetrieb Barmettler und das geplante Agrar-Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der EU
«Ich weiss nicht, wie lange es uns noch gibt»
Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 26.02.2008, über den Gemüsebaubetrieb Barmettler und das geplante Agrar-Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der EU
© AZ-Tabloid / MLZ; 26.02.2008; Seite 2
West
«Ich weiss nicht, wie lange es uns noch gibt»
Ammerswil Martin Barmettler hat sich als Gemüsebauer eine Existenz aufgebaut und beschäftigt in der Saison zwei Dutzend Angestellte. Das geplante Agrar-Freihandelsabkommen mit der EU macht ihm Sorgen.
Toni Widmer
1989 hat Martin Barmettler den Gemüsebaubtrieb von Max Steiner in Egliswil übernommen und seither kontinuierlich ausgebaut. Doch wie lange er noch Kopfsalat, Broccoli, Radieschen und Gurken pflanzt, weiss Barmettler nicht. «Wenn das Agrar-Freihandelsabkommen so kommt, wie es angedacht ist, wird es für uns schwierig», sagt er.
Im Gemüsebaubetrieb von Martin Barmettler ist auch im Winter früh Tagwache. Wenn andere Leute noch schlafen, werden in den grossen Treibhäusern in Ammerswil bereits Nüssli- und Kopfsalat sowie Radieschen geerntet und lieferbereit verpackt. Um 9 Uhr kommt der Lastwagen. Bis dann muss die bestellte Ware bereit sein. Neun Angestellte beschäftigt die Firma in der kalten Jahreszeit. Über zwei Dutzend Personen sind es in der Hauptsaison, wenn auf den Freilandkulturen auch Frühlingszwiebeln, Chiccorino Rosso, Lauch, Broccoli, Zucchetti und Knollensellerie wachsen und in den Gewächshäusern Gurken.
Gut organisierter Betrieb
1989 hat der Gemüsebauer mit Meisterdiplom den Betrieb in Ammerswil zusammen mit Gattin Marianne von Schwiegervater Max Steiner übernommen und stetig ausgebaut. Heute werden dort in der warmen Jahreszeit auf 11,5 Hektaren Fläche Freilandgemüse angebaut und 15 Aren Gewächshäuser ganzjährig bewirtschaftet. Seit 2004 gehören zu Barmettlers Betrieb auch 1,8 Hektaren Gewächshäuser in Eggenwil. Damit das Geschäft Gewinn abwirft, muss möglichst rationell produziert werden können. Die Arbeitsabläufe sind bis ins Detail organisiert: «Ich kenne heute schon den ganzen Jahresablauf», sagte Barmettler bei einem Besuch am 20. Februar: «Die Setzlinge müssen nicht nur schon Anfang Jahr für die ganze Saison bestellt sein. Ich muss zu diesem Zeitpunkt auch bereits wissen, an welchem Tag welches Gemüse gepflanzt werden muss und wann es geerntet werden kann.»
Risiko beim Lieferanten
Mit einer guten Planung kann Barmettler das unternehmerische Risikon begrenzen, aber nicht ausschliessen: «Ich weiss aus Erfahrung, was mein Hauptabnehmer (Barmettler produziert zu 90 Prozent für die Migros Aare) wann benötigt. Darauf richte ich meine Anbaupläne aus.» Doch nicht immer geht das Konzept auf: «Ich liefere zum Tagespreis, der laufend neu verhandelt wird. Ein Gemüse, das heute so viel einbringt, kann anderntags bereits einen Franken billiger sein.» Der Preis, erklärte der Gemüsebauer weiter, richte sich nach Angebot und Nachfrage und da spiele halt auch das Wetter immer eine gewisse Rolle: «Ich pflanze beispielweise einen Satz Broccoli und nach ein paar Woche einen zweiten. Beim ersten spielt das Wetter nicht mit, beim zweiten jedoch sind die Bedingungen ideal. Unter Umständen sind die beiden Serien jetzt zur gleichen Zeit erntereif und ich habe plötzlich ein Überangebot an Broccoli. Den kann ich - wenn überhaupt - nur noch zu einem stark reduzierten Preis absetzen.»
Einheimisches Gemüse gefragt
Bei den Konsumenten ist einheimisches Gemüse gefragt. Insbesondere die Migros-Aktion «Aus der Region. Für die Region.» hat sich laut Barmettler absatzfördernd ausgewirkt: «Die Leute wissen, woher das Gemüse kommt, und sind auch bereit, dafür etwas mehr zu bezahlen.» Eigentlich könnte der Ammerswiler Gemüsebauer zufrieden sein, wenn da nicht Ungemach von politischer Seite drohen würde. Der Bundesrat wird demnächst darüber entscheiden, ob er mit der EU Verhandlungen über ein Agrar-Freihandelsabkommen aufnimmt («Sonntag» vom 24. Februar, Regionalteil). «Wenn das so kommt, wie es angedacht ist, werden 30 bis 50 Prozent der Schweizer Gemüsebauern nicht überleben. Vielleicht muss dann auch ich meinen gut eingeführten und rentablen Betrieb schliessen und meine Angestellten nach Hause schicken», sinniert Barmettler. Heute sind dem Import von ausländischem Billiggemüse (Zoll-)Schranken gesetzt. Wenn der Agrar-Freihandel so kommt, wie die EU das plant, fallen diese Schranken weg.
Zollschutz würde fallen
Jeder Händler kann dort einkaufen, wo er will, die Preise sinken: «Für mich würde das faktisch eine Halbierung des Einkommens bedeuten und damit könnte ich die Produktionskosten nicht mehr decken», ist Barmettler überzeugt. Mehr rationalisieren könne er nicht: «Ich habe das Potenzial auf meinem Betrieb ausgeschöpft, auch an den Löhnen kann ich kaum schrauben. Nicht nur Letztere sind im Ausland deutlich niedriger als in der Schweiz, sondern auch die Preise für Maschinen, Verpackungsmaterial, Düngemittel, Pflanzenschutz und insbesondere auch für den Boden und das Wasser.» Er zweifelt daran, dass die Konsumenten von den günstigeren Preisen des im Ausland produzierten Gemüses letztlich auch wirklich profitieren. Man verspreche schon, dass alles billiger werde, wenn die Zollschranken fielen. Doch er sei sicher, dass es für den Konsumenten letztlich nur wenige Prozente seien. «Lohnt es sich wirklich», fragt Barmettler, «dafür die Schweizer Gemüsebauern auszurotten?»