Mulden oder Dämme für Reuss-Hochwasser?
Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 20.09.2007, über den Hochwasserschutz im Reusstal
Mulden oder Dämme für Reuss-Hochwasser?
Artikel Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 20.09.2007, über den Hochwasserschutz im Reusstal
© Aargauer Zeitung / MLZ; 20.09.2007; Seite 20
Aargau
Mulden oder Dämme für Reuss-Hochwasser?
Hochwasserschutz Die Grobkonzepte Rückhalten, Durchleiten oder Ausleiten kosten 35 bis 215 Millionen Franken
Das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) zeigt der Region drei Konzepte gegen künftige Hochwasser. Mit neun Rückhaltebecken könnten 36 Millionen Kubikmeter temporär gestaut werden. Das Szenario Durchleiten rechnet mit Dämmen für 150 bis 215 Millionen Franken.
Hans Lüthi
Beim jüngsten Hochwasser kam das Reusstal mit einem blauen Auge davon - und einem gewaltigen Schrecken. Prognosen rechneten mit bis zu 1100 Kubikmeter Hochwasser pro Sekunde, die katastrophale Spuren hinterlassen hätten, zum Glück aber nicht eintrafen. Fakt ist dies: Die Kapazität des Flussbettes, der Brücken und der Städte und Dörfer reichen nicht mehr aus. Vor diesem Hintergrund informierten Baudirektor Peter C. Beyeler und die Wasserbauer der Kantone Aargau und Luzern über Konzepte.
Gefahrenkarte bis 2009 fertig
Mit der Klimaerwärmung kommt es viel häufiger zu extremen Niederschlägen und Überflutungen. «Ein früher als 10 000-jährig bezeichnetes Hochwasser ist zu einem 300-jährigen Ereignis geworden», sagte Beyeler. Bis im Jahre 2009 werde die Gefahrenkarte vollständig erstellt sein. Für die Reuss brauche es eine Strategie über das ganze Einzugsgebiet, denn die Massnahmen im Entlebuch und am Vierwaldstättersee wirken sich direkt auf die Pegel im Aargau aus. Für den Bau des Reusswehrs in Luzern habe man mit den Nachbarn die Mühlauer Bedingung vereinbart, sagte Regierungsrat Beyeler vor Gemeindebehörden und Repla-Vertretern im Casino Bremgarten. Wie bei der Murgenthaler Bedingung an der Aare sollen im Mühlau maximal 850 Kubimeter Wasser in den Aargau fliessen.
Drei Grobkonzepte in der Prüfung
Das bisher schlimmste Hochwasser der Reuss vom August 2005 hat auch die Probleme mit Schwemmholz und Geschiebe gravierend gezeigt. Für das ungeliebte Holz sind primär Rückhaltungen ausserhalb des Aargaus nötig. Im Vergleich zu 1928 ist die Reusssohle um 25 bis 50 Zentimeter tiefer, doch beim Stauanfang des Kraftwerks Bremgarten hat sich massiv Geschiebe angesammelt. Rund 130 000 Kubikmeter sind in einem Grosseinsatz aus dem Fluss entfernt worden. Für ein langfristiges Management zeigte Markus Zumsteg, Leiter der Sektion Wasserbau im BVU, die Szenarien Rückhalten, Durchleiten oder Ausleiten und die Konsequenzen davon für Landwirtschaft, Siedlungen und weitere Infrastrukturen. Die geringsten Kosten verursacht eine Flutung der Reussebene via Dammscharten, mit 35 bis 43 Millionen Franken wäre das zu machen. Mit einem gezielten Rückhalten müssten neun Räume zwischen Dietwil und Rottenschwil definiert und baulich gesichert werden - mit Kosten von 120 bis 170 Millionen Franken. Zur Brechung der grössten Hochwasserspitze könnten so 36 Millionen Kubikmeter Wasser zurückgehalten werden. Bei 1200 Kubikmetern in Sins ergäbe sich eine Reduktion auf 850 Kubikmeter Hochwasser in Mellingen. Die Alternative Durchleiten ist mit 150 bis 215 Millionen Franken die teuerste und optisch alles andere als attraktiv. Denn dafür müssten im oberen Reusstal 40 Kilometer Dämme saniert oder erneuert werden. Weiter Folgen: Anpassung von 26 Brücken und Umbau von 2 Kraftwerken, die «nur» 900 Kubimeter ertragen.
Sicherheit und Risiken abschätzen
Für die Städte und Orte Bremgarten, Mellingen und Windisch wäre es ein Segen, wenn man die Reuss im oberen Bereich über die Dämme fliessen liesse. Die Skepsis der Betroffenen ist jedoch ebenso verständlich, denn es sind noch viele Fragen offen. Eine Machbarkeitsstudie soll aufzeigen, welche Sicherheit und welches Risiko vertretbar sind, denn de facto weiss kein Mensch, wie hoch der höchste Pegel steigen könnte. Ein Schutzziel von 1200 Kubikmetern pro Sekunde bedeutet, dass es bis zu dieser Grenze keine grösseren Schäden geben darf. «Es wäre ein hoch gestecktes Ziel, bezogen auf die Reuss und im Vergleich zu anderen Flüssen im Kanton», erklärt Zumsteg. Der Prozess für die neue Zähmung der Reuss steht erst ganz am Anfang.